Bella Italia

28 Tage in Canosa di Puglia

Und wenn sie nicht gestorben sind...

Donnerstag, 14.08.2014

Mittlerweile sind drei Wochen vergangen seit ich Apulien verlassen habe und mein letzter Morgen in Canosa liegt noch heute wie ein Schatten auf mir. Um 3:35 Uhr schreckte ich nach einem Alptraum auf und schlief bis morgens um 5 Uhr nicht mehr ein. Als ich um 6:50 Uhr in den Marinobus nach Neapel stieg, brannten meine Augen vor Müdigkeit und mir graulte es vor der zweistündigen Fahrt. Die Müdigkeit ließ mich keine Sekunde über den Abschied nachdenken, doch anstatt zu schlafen, starrte ich benommen aus dem Fenster. Zwischen wundervoller Natur und Müllbergen wurde mir immerhin nicht langweilig.


Am Abend zuvor saßen meine Kollegen und ich noch ein paar Stunden gemeinsam im Garten, unterhielten uns, aßen Pizza und tranken Bier. Als besonderes Geschenk hatte Elena mir einen Schokokuchen in Herzform gebacken und ihn mit einer Rose aus Sahne dekoriert. Ich genoss die letzten Stunden in Cefalicchio und letztlich hatte ich tatsächlich Tränen in den Augen. Wir alle wussten, dass dies kein Abschied für die Ewigkeit war, irgendwann würde ich wiederkommen und trotzdem stand ich vor der hell erleuchteten Villa und prägte mir diesen letzten Moment ganz genau ein. Am nächsten Morgen sagte ich Cefalicchio in Gedanken „Auf Wiedersehen!“ und drehte mich nicht mehr um.

In Neapel angekommen, befand ich mich in einem grauenvollen Zustand und war definitiv nicht auf die laute Stadt eingestellt. An jeder zweiten Ecke kam jemand auf mich zu und fragte: „Taxi? Taxi?“ oder „Aeropuerto?“. Irgendwann reagierte ich nur noch genervt und schimpfte „Lasciami in pace!“ und polterte in Richtung Bushaltestelle. Die patzigen Antworten hatte ich mir definitiv von Rossana abgeguckt. Die restlichen vier Stunden bis zum Check-in saß ich bei Mc Café, feilte an meinem Blog und hielt mich mit Computerspielen in einem ansatzweise wachen Zustand. Ich hatte das Gefühl, dass der gesamte Schlafmangel der letzten 28 Tage nun wie ein Hagelschlag auf mich einprasselte und ich kämpfte im Stehen gegen das Verlangen nach Schlaf.
Mein Check-in verlief, bis auf die Tatsache, dass ich 1,4 Kg Übergepäck hatte und verzweifelt meinen Koffer leerte, ganz gut. Meinen üblichen Schimpftiraden über EasyJet und deren schlechten Service wich ein müdes Schulterzucken – ich war definitiv nicht in der Stimmung…
Beim Boarding lieferte sich EasyJet’s super Service dann den zweiten Fauxpas, als alle Damen darauf hingewiesen wurden, dass auch die Handtaschen im Handgepäck verstaut sein müssen. Ein Blick auf die Nähte meines Koffers, und ich wusste, dass das genauso unmöglich war wie mein Vorhaben in Canosa Sport zu treiben. Ich drehte mich um und bat die Dame hinter mir meine Tasche in ihre zu stopfen. Nachdem ich ihr erklärt hatte, dass in meiner Tasche weder ein Sprengsatz noch Drogen versteckt waren, willigte sie ein und verstaute mein Hab und Gut.
Alles klappte wunderbar, bis die Dame mir meine Tasche anschließend wiedergab und das Servicepersonal uns vor dem Einstieg ins Flugzeug noch einmal darauf hinwies, dass die Handtaschen im Gepäck zu sein haben. Diesmal konnte mir niemand helfen. Also stopfte ich den Inhalt meiner Handtasche in Hosentaschen, Shorts, Unterwäsche und BH, hockte mich auf meinen Koffer und hoffte, dass der Reißverschluss halten würde. Dann polterte ich, ausgestopft wie eine Weihnachtsgans, die Treppe zum Flugzeug hinauf und hoffte, dass bloß nichts herausfällt.
Der Flug dauerte ewige 2 Stunden. Das Warten auf mein Gepäck gefühlt mindestens doppelt so lang. Als ich schließlich mit meinen Koffern den Gang bis zur Halle ging, nein sprintete, hüpfte mein Herz beinahe aus meiner Brust. Plötzlich umschlossen mich zwei starke Arme, um mich herum wurde alles dunkel und ich hörte nur noch ein Rauschen. Die Klauen der Sehnsucht, die mein Herz und Magen während der vergangenen 28 Tage fest gepackt hatten, ließen endlich los. Ich war wieder da und es fühlte sich richtig an. Im Auto warteten Leberwurststulle und Delikatessgurken auf mich  und ich muss gestehen, dass ich nicht eine Sekunde an Cefalicchio dachte.

Heute, fast drei Wochen nach Canosa, sitze ich auf einem Balkon in Villedeau und blicke auf die unendliche Weite der Provence. Die Zeit in der Villa scheint beinahe wie ein Traum, mein Vorhaben ruhiger zu werden und das Leben als Abenteuer zu betrachten, befindet sich noch im Aufbau. Ich habe mich in diesen Wochen mehrfach gefragt, ob ich dieses Abenteuer wiederholen würde, doch eigentlich kenne ich keine Antwort. Ein Monat abseits von der gewohnten Umgebung, neue Eindrücke, andere Lebensweisen – all das verändert und machte meine Rückkehr in mein „altes“ Leben schwierig. Und selbst jetzt spüre ich eine seltsame Veränderung tief in mir. Rückblickend war dieser Monat, geprägt von Höhen und Tiefen, eine unglaubliche Erfahrung, die mich vielleicht nicht arbeitstechnisch, aber persönlich weitergebracht und verändert hat. Abseits von meinem gewohnten Umfeld zu arbeiten, zu leben und zu lernen, bedeutet Stress aber auch jede Menge Spaß und erfordert Stärke. Trotzdem kann ich ein Lächeln nicht verbergen, wenn ich an diese intensive Zeit in Apulien denke. 
In einem anderen Land, in einer anderen Branche und zu einem viel späteren Moment würde ich dieses Abenteuer wohl (trotz aller derzeitigen Unsicherheiten) wieder wagen.

Zwei Tage nach meiner Ankunft reiste ich zurück nach Neapel und startete meine Reise über die Amalfiküste, nach Sardinien, bis nach La Maddalena und landete schließlich im Haus der Familie meines Freundes in der Provence. Schon während meines Praktikums bereitete mir die italienische Art so manche Schwierigkeiten. In Canosa verstand ich jedoch noch nicht warum. Dass die Italiener den privaten Wohlfühlbereich selten respektieren lernte ich in Barletta, dass sie unglaublich laut sind in Neapel, aber erst auf Sardinien begriff ich, dass das Problem ein anderes war. Italien bietet eine unglaublich abwechslungsreiche Landschaft und die Italiener schaffen es, diese Landschaft durch ihren Müll, die Ruinen und geschmacklosen Städte derart zu verschandeln, dass einem jegliche Freude vergeht. Diese Kombination ist es, die eine berufliche Karriere in Italien für mich unmöglich macht. Der Umgang mit Lebewesen und der Umwelt vieler Italiener (Cefalicchio und seine Menschen stellen eine absolute Ausnahme dar!) macht das Land für mich schwer zu ertragen und im Nachhinein bin ich sehr dankbar dafür, dass ich Menschen kennenlernen durfte, die sowohl die Umwelt als auch die Tiere mindestens genauso wertschätzen. Trotzdem kann ich mich noch sehr gut an mein Gesicht erinnern, als ich Canosa Stadt vom Weiten betrachtete und mich fragte, wie Städte so hässlich gestaltet werden können.  

Vielleicht dauert es noch ein paar Monate bis mein Blick auf diese 28 Tage nicht von Emotionen gesteuert wird. Möglicherweise habe ich dann eine andere Sichtweise auf diese Erfahrung.
Für heute weiß ich, dass ich mit Rossana einen wundervollen Menschen mehr in meinem Leben habe, Cefalicchio einzigartig ist und (dank meinem Bruder) dass auch Berlin schöne Sonnenuntergänge hat.

 

Verbindung zur Ausbildungsstätte und der Schule:

In einer Woche beginnt mein beruflicher Alltag und ich kehre zurück an den Schreibtisch. Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport (http://www.berlin.de/sen/inneres/) hat mich von Anfang an in meinem Vorhaben unterstützt und bestärkt. Das Leonardo da Vinci Programm steht sowohl Auszubildenden als auch Beamten zur Verfügung, um einen interkulturellen Austausch zu ermöglichen. Die Unterstützung durch die Ausbildungsleitung verlief unkompliziert und erforderte kaum Verwaltungsaufwand. Eine direkte Verbindung zwischen meiner Senatsverwaltung und dem B&B besteht nicht. Zwei Aspekte sind jedoch in beiden Branchen sehr ähnlich: a) Kundenservice und b) Personalverwaltung. Letztlich bot mein Praktikum immer Aspekte, die ich für die Arbeit in der Verwaltung nutzen kann.

Die Hauptorganisation erfolgte durch die zuständigen Lehrer der Luise-Schröder-Schule (http://www.osz-louise-schroeder.de/). Eine Verbindung zwischen dem Praktikum und der Schule besteht insofern, als dass der gesamte Praktikumszeitraum durch die Schule begleitet wurde. Sei es die Erstellung meines Blogs, als auch weitere Dokumente, die im Anschluss ausgefüllt werden mussten, bis hin zum Mailkontakt während des Aufenthaltes. Im unterrichtstechnischen Bereich besteht in jedem Fall eine Verbindung zum Englischunterricht, besonders im Hinblick auf die Einheit in „Business English“ und "Writing Letters". Im weiteren Verlauf wird die Schule sicherlich im Kontakt zu meiner Praktikumsstelle stehen, sobald weitere Schüler Interesse an Cefalicchio äußern.

 

Ein bisschen Wahnsinn

Mittwoch, 23.07.2014

Die letzten drei Tage in der Villa Cefalicchio waren sehr ruhig. Canosa hatte sich dazu entschieden, mich mit Regen und Donner zu verabschieden und die Arbeit im Hotel war weiterhin sehr übersichtlich. Ich putzte ein paar Zimmer, half Elena beim Backen und schrieb Buchungsbestätigungen und damit waren meine letzten Arbeitstage auch schon beendet. Da das Wetter mehr als schlecht war, blieb ich die meiste Zeit im Zimmer und wurde etwas, nun ja, merkwürdig. Nach drei Tagen, in denen ich meine Rückkehr nach Berlin kaum abwarten konnte, fing ich an, mich für die seltsamsten Themen zu interessieren. Am Montag erkundigte ich mich über den Humulus lupulus, nachdem ich irgendwann mal das Wort gehört habe und eigentlich nie wusste, was das bedeutet. Nun weiß ich, dass es "Echter Hopfen" heißt, ich weiß wie er angebaut wird und welche weiteren Arten es gibt.
Am Dienstag recherchierte ich erst Salatdressings und Pizzasoßen, interessierte mich dann für die Geschichte der Pizza und landete letztlich bei der Entstehung Roms, obwohl die Pizza selbst von den Etruskern erfunden wurde.
Am Mittwoch stieß ich auf folgendes Zitat von Albert Einstein  "Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität." und informierte mich über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie. Als ich Artikel über die Inhalte der Gravitation, dem Korrespondenzprinzip oder der Quantenfeldtheorie las, fragte ich mich, wieso mein Wunsch die Zeit zu besiegen, nicht schon während der Schulzeit dazu geführt hatte, dass ich mich über solche Dinge freiwilig informierte.
Irgendwann kam ich wieder zur Vernunft, schob meinen Laptop beiseite und tigerte wieder in meinem Zimmer herum. Mein Koffer ist seit Montag gepackt, mein Zimmer zum dritten Mal geputzt und meine Wäsche gewaschen und sogar gebügelt. Als ich vor meinem Bett stand und sah, wie mich das Kissen so angrinste, fragte ich mich, ob ein kleines Nickerchen nicht tatsächlich eine Alternative wäre. Noch bevor ich dem Vorschlag meines Kissen nachkommen konnte, erinnerte ich mich an das Problem bei der Sache: Ich war gar nicht müde!...

Am Abend treffen sich alle Kollegen unten im Garten, um mich richtig zu verabschieden. Es wird Pizza, Bier, Wein und eine Überraschungstorte für mich geben, bevor ich morgen um 6:20 Uhr Cefalicchio verlasse. Tatsächlich blicke ich meinem letzten Abend etwas wehmütig entgegen. Ich kann nicht bestreiten, dass mir die Menschen ans Herz gewachsen sind. Ich liebe die Villa, die Arbeit und die meiste Zeit auch das Wetter. Nach 27 Tagen, in denen ich viel gelacht, geweint und mich beschwert habe, musste ich mir eingestehen, dass der Abschied doch etwas unerwartet kommt. Ich werde Cefalicchio vermissen und trotz aller Sehnsucht nach Berlin, wird dies definitiv kein leichter Abschied....


 

Wie in alten Zeiten

Montag, 21.07.2014

Am Freitag um 8:00 Uhr brach ich nach Canosa auf, um mit dem Bus weiter nach Barletta zu fahren. Rossana gewährte mir einen freien Tag, um meine Überstunden abzubauen und ich freute mich über mein letztes freies Wochenende.
An der Bushaltestelle schaute ungeduldig auf die Uhr. Ich freute mich auf meinen zweiten Besuch in Barletta. Meine beste Freundin würde am Abend aus Berlin anreisen, um mir 3 Tage Gesellschaft zu leisten und ich konnte es kaum erwarten, sie bei mir zu haben. Plötzlich riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken und ich zuckte zusammen. Hinter mir stand ein Mann und fragte mich, ob ich auch nach Barletta fahre. Da ich solche Gespräche als Tourist fast schon gewohnt bin, antwortete ich wahrheitsgemäß, blieb jedoch zurückhaltend. Der Mann stellte immer mehr Fragen, sprach allerdings nur ein sehr gebrochenes Englisch und erweckte den Eindruck, nicht aus bloßer Höflichkeit zu fragen. Irgendwann fielen die Worte, die mich für kurze Zeit erstarren ließen: "Ich habe dich letzte Woche auf deinem Fahrrad in der Nähe von Cefalicchio gesehen, du arbeitest dort, nicht wahr?". Ich starrte den Mann an und erkannte ihn plötzlich wieder - er ist der Typ aus dem Audi. Ich wich sichtbar zurück und wandte mich ab, was ihm allerdings nicht signalisierte, dass ich in Ruhe gelassen werden möchte, sondern es ermutigte ihn, weiter Fragen zu stellen. Unauffällig suchte ich am Straßenrand nach seinem Auto, konnte es aber nicht finden. Als der Bus kam, stieg ich ein und war mir beinahe sicher, dass er mir nicht folgen würde. Er hatte keinerlei Dinge bei sich, die eine Reise nach Barletta erkennen ließen, zumal er ein Auto besitzt und nicht auf die Öffentlichen angewiesen ist.
Im Bus setzte ich mich zwischen andere Leute als ich sah, dass er in seinem Portemonnaie nach Kleingeld suchte und seine Worte hallten in meinem Kopf wider. Ich holte meine Kopfhörer heraus und hoffte, dass mein am Morgen gebuchtes Internetpaket bald aktiviert sein würde.
Meine Kopfhörer hielten ihn nicht davon ab, sich schräg hinter mich zu setzen und mir sein Handy vor die Nase zu halten. Dort hatte er per Google Translation einen Text verfasst: "Hi, ich bin Victor, ich hab dich letzte Woche auf dem Fahrrad gesehen. Du bist auf der Straße zur Villa Cefalicchio gefahren. Wie heißt du?" Ich zeigte auf den Ring an meinem Finger und hoffte, dass ihn das abschrecken würde. 10 weitere Minuten vergingen, in denen er auf seinem Handy herumtippte, bis der Bus am Strand anhielt und ich aussteigen wollte. Als er vor mir den Bus verließ und draußen wartete, blieb ich stehen und signalisierte ihm, dass ich weiterfahren würde. Im selben Moment fragte er eine Frau nach dem Weg zum Hauptbahnhof - zurück nach Canosa. Als er sich umdrehte, stieg ich aus und ging in die andere Richtung. Ich wusste nicht, ob er wirklich gefährlich war, aber mein Bauchgefühl sagte mir nichts Gutes. Er hatte mich wiedererkannt und weiß wo ich arbeite...

Auf dem Weg zum Hotel fühlte ich mich wieder sicher, drehte mich dennoch gelegentlich um. Im B&B angekommen, checkte ich ein und verbrachte die Stunden, bis meine Freundin kommen würde mit Sonnen und Schlafen. Um 20 Uhr machte ich mich dann auf den Weg zur Bushaltestelle. Der Weg führt über die schier endlose Via Andria, die Barletta mit der Stadt Andria verbindet. Auf der linken Seite befindet sich ein riesiges Militärareal, während rechts bis auf ein paar Werkstättenbetreiber keine Menschenseele war. Gegen Abend gruselte ich mich doch ein wenig, besonders nach der Busfahrt und hielt mich am Bahnhof auf, bis der Bus um 21:15 Uhr vorfuhr. 
Den Weg zurück aßen wir kalte Pizza und genossen ab der ersten Sekunde, dass wir endlich wieder zusammen Urlaub machten. Die letzte gemeinsame Reise liegt 4 Jahre zurück und seit ich stolze Patentante ihres fast 5 Monate alten Sohnes bin, liegen die Prioritäten woanders. Wir ließen den Abend mit einem Cocktail ausklingen und ich fühlte mich endlich nicht mehr einsam. 

Am nächsten Morgen eilten wir zeitig zum Strand, um die Hitze richtig auszukosten. Während meine Freundin nach einigen Stunden die Farbe eines Hummers angenommen hatte und gut durch war, bekam ich von den 33°C am Morgen nicht genug.

Nach einigen Stunden gingen wir dennoch zurück ins Hotel, um Barletta während der Siesta zu erkunden. Wir liefen wahllos durch die Stadt und ich genoss die Gesellschaft meiner Freundin so sehr, dass die Stunden wie im Flug vergingen.

Gegen 18 Uhr suchten wir verzweifelt nach einer geöffneten Pizzeria, jedoch ohne Erfolg. Um 19 Uhr starteten wir den nächsten Versuch und wurden wieder enttäuscht. Mittlerweile kenne ich Italien gut genug, um zu wissen, dass die Restaurants selten vor 20 Uhr servieren. Um 20:30 Uhr hielten wir schließlich unsere Pizza Kartons und ein Nastro Azzurro in der Hand und ließen unseren letzten Abend am Straßenrand ausklingen. Während wir dort saßen und uns über die letzten Wochen austauschten, merkte ich, dass mir weniger meine Stadt fehlt, als die Menschen, die ich liebe.

Am nächsten Tag brachte ich meine Freundin nach einem kurzen Strandbesuch wieder zurück zum Bus. Als wir an der Haltestelle warteten, stellte ich fest, dass dieses Wochenende bedingungslos schön war und es tatsächlich keinen einzigen tollpatschigen oder schlechten Moment gab. Rückblickend verstehe ich, dass ich vor zwei Jahren nicht nur ankommen wollte, um nicht mehr allein zu sein, sondern dass ich wesentlich heiler durch das Leben gehe, wenn ich Menschen um mich habe, die mich auf meinem Weg stärken.
Nach 25 Tagen und zwei Wochenenden mit den wichtigsten Menschen in meinem Leben, fühlt sich Berlin mit all seinen Unannehmlichkeiten, den grauen Tagen , dem Gestank und den vielen Menschen plötzlich wieder gut an.
Als ich um 21:15 Uhr müde und erschöpft von Michele in Canosa abgeholt wurde, dachte ich an die Erlebnisse der vergangenen Tage und freute mich wieder auf mein Berlin.

Danke! ♥

What a day!

Donnerstag, 17.07.2014

Die Tage in Cefalicchio werden ruhiger. Die letzten Gäste verließen am Montag das kleine Paradies, welches, zwischen Weinreben und Olivenhainen, nun von atemberaubender Stille erfüllt ist. Die wenigen Zikaden, die durch ihren sägenden Gesang die Ruhe durchbrechen, tun der einzigartigen Atmosphäre jedoch keinen Abbruch. Die Arbeit ist momentan sehr leicht und häufig beende ich meine Schichten einige Stunden zu früh. Nachdem der Regen in Richtung Osten weitergezogen ist, erstrahlt der Himmel wieder in seinem üblichen Blau und die Temperaturen klettern jeden Tag ein wenig höher.
Gestern nutzte ich die freie Zeit, um die Aussicht über Canosa zu genießen und träumte davon, die Weinberge auf dem Rücken eines Pferdes zu erkunden. Die Idylle fand ein jähes Ende, als sich mein Magen lautstark einschaltete. Ich versuchte ihn zu ignorieren und blickte wieder auf die Reben, während der Wind durch mein Haar wehte. Wieder knurrte mein Magen und wieder riss er mich aus meinen Tagträumen. "Unsensibler Sack!", knurrte ich zurück. Ein letztes Mal genoss ich die heiße Sonne auf meiner Haut, ehe mein Magen entschieden hatte, es diesmal auf die harte Tour zu versuchen. Er versetzte mir einen Schlag und ich kam seinem Verlangen verbittert nach. In der Küche stand ich vor dem vollen Kühlschrank und fühlte mich wie vor meinem eigenen Kleiderschrank. Bis zum Bersten gefüllt und trotzdem nichts drin. Da mein Magen ungeduldig Purzelbäume schlug, naschte ich hie und da ein paar Früchte, aß ein paar Cornflakes und verzog mich in mein Zimmer. Anschließend entschied der gnädige Herr, dass er jetzt verdauen möchte und brachte mir die übliche Müdigkeit. Und zum ersten Mal seit Wochen träumte ich nicht mehr von zu Hause...

Nachdem meine gestrige Nachmittagsschicht nach ein paar Stunden, in denen Rossana Arbeit für mich erfand, beendet war, setzte ich mich an meinen Computer und schrieb die restliche Zeit an den Dokumenten für mein Stipendium. Letztlich arbeitete ich sogar länger und wieder meldete sich mein knurrender Magen. Die ersten Wochen hatte ich nie das Verlangen ständig zu essen und das könnte vielleicht daran liegen, dass mein eigener Kühlschrank voll war. Seit einer Woche öffne ich den Kühlschrank in der Hoffnung, dass ich irgendetwas übersehen habe, stattdessen werde ich von derselben, halbleeren Milchpackung angestarrt - mittlerweile muss sie denken, dass ich verrückt bin, so oft wie ich die Kühlschranktür in den letzten Tagen geöffnet und hinter ihr nach einem versteckten Keks gesucht habe. Später am Abend übernahm mein Magen meinen kompletten Verstand und ich bettelte via Skype bei meinem Freund um Essen. Letztlich hatte er die zündende Idee im Internet nach einem Pizzalieferservice zu suchen. Nur so viel: In Canosa liefert man nicht. Letztlich ging ich hungrig zu Bett, überlegte hin und wieder sogar, ob ich nicht einfach trockene Nudeln essen könnte und schlief über meine eigenen Gedanken hinweg ein.

Am nächsten Morgen säuberte ich das Poolshaus, was bedeutete, dass ich die Betten bezog, den Boden saugte und wischte, Staub und Fenster putzte, das Bad desinfizierte, die Bücher neu sortierte und die Möbel entfusselte. Da ich heute mit dem falschen Fuß aufgestanden bin und höllische Kopfschmerzen hatte, taumelte ich von einem Missgeschick ins nächste. Es begann damit, dass ich fünf Mal die steilen Treppen der Villa in den 2. Stock hochrannte, weil ich erst die falschen Laken griff, dann den falschen Kissenbezug, diesen schließlich kaputt machte, den nächsten holte, die Seife vergaß und letztlich das Klopapier. Weitere drei Mal rannte ich in den ersten Stock, um erst den Besen zu holen, dann bemerkte, dass ich den Handfeger vergessen hatte, schließlich das Putzzeug inkl. Eimer holte, aber den Handfeger wieder vergaß, den Putzeimer auf der Treppe abstellte und auf dem Rückweg zurück vergessen hatte, dass die Sachen dort standen und somit alles mit einem gekonnten Kick nach unten schmiss. Ich blieb stehen, atmete tief ein und wieder aus, schüttelte den Kopf und überlegte, ob ich weinen oder lachen sollte. Ich entschied mich für letzteres und lief zurück ins Poolhaus. Dort verlief die Arbeit, bis auf ein paar tollpatschige Ausrutscher, relativ normal. Ich beendete meine Arbeit mit der Lektion "Wie wischt man einen Fußboden NICHT". Hausarbeit war mir absolut nicht fremd, allerdings konnte ich meinem Gehirn nicht verständlich machen, dass das Prozedere in Italien dasselbe ist, wie in Deutschland und stellte mich dementsprechend dämlich an. Ich griff nach dem Bodenreiniger und überlegte, wie viel man davon wohl in den Eimer kippt. Anstatt auf die Hinweise auf der Flasche zu achten, zuckte ich mit den Schultern und goss einen ordentlichen Schluck der grünen Masse in den Eimer. Na ja und sicherheitshalber vielleicht noch einen zweiten. Schließlich füllte ich den Eimer mit Wasser und fragte mich, ob das bei Elena auch so schäumt. Als ich mit dem Wischen begann, erstrahlte der gesamte Boden in einem schaumigen Giftgrün. So ist der Boden wenigstens sauber.... und hoffentlich nicht mehr glitschig, bis die nächsten Gäste kommen.
Als ich fertig war und den Eimer leerte, blieb ziemlich viel Schaum zurück und ich fragte mich, wie ich alles aus dem Eimer bekomme, ohne dabei das Badezimmer wieder schmutzig zu machen. Ich kam gar nicht mehr dazu diese Frage zu beantworten, denn bei dem Versuch das Teil zum Auswringen des Mopps vom Eimer zu lösen, katapultierte ich den ihn schwungvoll in die Luft und verteilte den restlichen Schaum im Garten. Und wieder einmal konnte ich nur den Kopf schütteln...

Da Rossana an meinem absoluten Tollpatschtag die hervorragende Idee hatte, ihr zu zeigen, wie man die origniale Sachertorte backt, verbrachte ich die restlichte Zeit in der Küche. Der Kuchen wurde erstaunlich gut und ich wähnte mich in Sicherheit, bis ich die Glasur über den Kuchen kippte und feststellte, dass sie viel zu wässerig ist. Da Elena nicht mehr genügend Schokolade hatte, versuchte ich das Rezept für die Glasur so verändern, dass es hinhaut - hat es nicht. Der Kuchen hatte am Ende keine Glasur, sondern war einfach nass. Diesmal konnte ich nicht einmal mehr mit dem Kopf schütteln... 

Fazit: Das nächste Mal bleibe ich einfach liegen! 

 

All the world is made of faith, and trust, and pixie dust.

Dienstag, 15.07.2014

Es war Sonntagabend und die reichen Geschäftsleute fuhren mit ihren Luxuswagen auf dem Anwesen Cefalicchio vor.
"Second star to the right and straight on 'til morning.”, hallte es in meinem Kopf wider als ich auf die geschmacklosen Kleider der Frauen und die Herrentäschchen der Männer blickte. Ich wusste nicht wieso mir ausgerecht dann dieses Zitat aus J.M. Barrie's "Peter Pan" in den Sinn kam. Am nächsten Tag sollte ich es herausfinden.
Den gesamten Abend hatte ich Kerzen und Lampen im Garten verteilt, Tische eingedeckt, Stühle und Blumen aufgestellt und Cefalicchio in einer einzigartigen Schönheit erstrahlen lassen.
Ich weiß nicht, ob die Damen und Herren es überhaupt bemerkten, waren sie doch viel zu sehr damit beschäftigt, ihre kiloschweren Parfümwolken in den Empfangsbereich zu schleppen.

   

Der Veranstalter dieses Events hatte zu einer Kostprobe seiner ausgezeichneten italienischen Küche geladen, war er doch kein geringerer als der Besitzer von "ich habe absolut keine Ahnung". Jedenfalls besitzt er mehrere Restaurants in Mailand, New York und London. Völlig von sich überzeugt, dirigierte er uns ohne ein Bitte oder Danke von A nach B und genoss dabei seinen Moment im Rampenlicht. Ich hätte ihm nur zu gerne gesagt, dass er einen ziemlich hohen Preis dafür gezahlt hatte, mit einer einer Rolex am Arm und einer Chanelbag in der Hand auf wichtig zu tun.
Der Abend verlief, bis auf ein paar Extrawünsche des Veranstalters mit dem schlechten Geschmack, weitesgehend entspannt und wir hielten uns dezent im Hintergrund. Da das Personal von Cefalicchio für diesen Abend von Herrn Sowieso nicht bezahlt wurde, arbeiteten wir Trainees von 17:30 - 21:30 Uhr und verließen die Veranstaltung noch vor allen anderen Gästen.
Am nächsten Morgen hatten die anderen beiden Trainees frei und ich kümmerte mich um das Frühstück für die Gäste, die nach der Veranstaltung nicht nach Hause fuhren. Ich ahnte bereits, dass ich mir für das Anrichten des Buffets Zeit lassen könnte, das Anlegen der fetten Klunker würde sicherlich einige Zeit in Anspruch nehmen. Und tatsächlich erschienen die Gäste nicht vor 9 Uhr. 

Gegen Mittag meldete sich schließlich eine Famlie zur Weinverkostung an, was bedeutete, dass Elena und ich Häppchen anrichteten, Brot backten, Gläser polierten und die Tische eindeckten. Das hielt unsere reiche Gesellschaft natürlich nicht davon ab, die Reste ihres Essens vom Vortrag jetzt und sofort serviert haben zu wollen. Die Herrschaften wollten Wasser, also hatten wir es zu bringen. Während Elena und ich schwitzen und an allen Ecken gleichzeitig halfen, hielt es niemand für angebracht, unsere freiwillige Arbeit zu honorieren.

Am Abend erklärte mir Rossana, dass sie einen riesigen Streit mit dem Veranstalter hatte. Natürlich hatte sie ihm ziemlich deutlich gesagt, was sie von seiner Show am Vorabend hielt und dass sie es für angebracht halte, uns mit einem Trinkgeld für die großartige Hilfe zu danken. Das sah der Veranstalter nicht so, weigerte sich seine Extrawünsche zu bezahlen und zog ab.
Die Küche hatte exzellente Pasta, Schokolade und weitere Köstlichkeiten übrig, durfte uns jedoch kein "Dankeschönpaket" zukommen lassen.
Im Nachhinein bin ich über unsere Professionalität erstaunt. Diese Menschen hatten nicht einmal bemerkt, dass wir da waren und wenn doch, blickten sie uns von oben herab an. Natürlich wäre es mir ein Vergnügen gewesen, diesen Menschen ihr hässliches Spiegelbild zu präsentieren, andererseits wusste ich aber auch, dass sie in ihrer eigenen Welt glücklich waren, auch wenn ich es nicht verstand.

Heute begleitete mich der Abend noch immer. Ich saß am Nachmittag zwei Stunden in der Waschküche und bügelte. Irgendwann zwischen dem 50. und 100. Handtuch kam ich über mein eigenes Leben ins Grübeln. Wieso hatte ich mich damals eigentlich gegen eine Ausbildung im Hotel entschieden? Wieso bin ich eigentlich nicht Lehrerin geworden oder gar Jornalistin? Wollte ich nicht immer reisen?
Ich wusste, wieso mir dieses Zitat einfiel als ich die teuren Deisgnerhandtaschen und die Luxuswagen sah. Sie alle hatten vergessen, wo Nimmerland liegt, um erwachsen zu werden. Natürlich arbeiteten sie hart, um dieses Leben führen zu dürfen, aber mich erschreckte, dass ich zum ersten Mal seit Monaten auf die teuren Designertaschen schaute und nicht den Wunsch verspürte, sie haben zu wollen. Ich wollte nach meiner Schule nicht ins Hotelgewerbe, weil ich dieses erdrückende Gefühl nicht ertrug, solchen Menschen zu dienen. Zwei Jahre nachdem ich die Schule beendet hatte, siegte auch bei mir die Vernunft, ich hörte auf das Leben als Abenteuer zu sehen. Ich wollte ankommen. Irgendwann vergaß ich meine eigenen Prinzipien und sagte lebwohl, wohl wissend, dass lebwohl fortgehen bedeutet, und fortgehen heißt vergessen.

2 Jahre später brachte mir Apulien mein Nimmerland zurück. Ich stand auf dem Balkon der Villa und blickte über die weite Landschaft. Mein Herz machte einen Sprung und ich musste unwillkürlich lächeln. Ich kannte dieses Gefühl von meinen früheren Reisen. Vom rechten Pfad abgekommen, fand ich auf dem Rückweg, neben meiner ♥Sicherheit♥, auch endlich zu mir zurück.

Als das strahlende Blau des Himmels der schwarzen Nacht wich und die ersten Sterne am Himmel funkelten, glaubte ich wieder an Elfen.

 

 

 

 

Today was a Fairytale

Freitag, 11.07.2014

Um 06:03 Uhr guckte ich das letzte Mal auf die Uhr, bevor ich mich mit einem Kribbeln im Bauch unter die Dusche stellte. 1 1/2 Std hätte ich noch schlafen können, aber die Vorfreude war größer als mein Verlangen nach Schlaf. Ich tigerte im Zimmer herum, räumte auf, wischte den Boden, rückte die Möbel, wusch meine Wäsche und zwang mich die Uhrzeit zu ignorieren. Um 8 Uhr rannte ich in Rossanas Büro und eilte zur Mangel, um zwei riesige Stapel Wäsche zu bügeln.

Meine Aufregung ließ mich meine Arbeit schneller erledigen - zu schnell. Um 10 Uhr schaute ich wieder auf die Uhr und rannte zur nächsten Aufgabe. Ich trug die Lieferung der Pasta für das Event am Wochenende in die Küche und verräumte alles, anschließend lief ich 5 Mal die zwei Stockwerke hoch und wieder herunter, um die gebügelte Wäsche zu verstauen. Ein Blick auf die Uhr und ich war enttäuscht.
Schließlich hatte Elena die Idee, mich in den Kühlraum zu stellen, um die Wände zu putzen. Bei 4°C bibberte ich in Shorts und T-shirt in der Kältekammer und ekelte mich vor dem Dreck an den Wänden und auf dem Boden. Irgednwann zeigte die Zeit Erbarmen und ich kollabierte beinahe vor Aufregung.

Um kurz vor 17 Uhr fuhr der blaue Fiat auf den Parkplatz und ich vergaß alle Szenarien, die ich mir für diesen Moment in meinem Kopf zurechtgelegt hatte. Die Zeit stand still und eine Milliarde Eindrücke prasselten auf mich ein. Ich floh in die Arme meines Mannes und plötzlich war alles still um mich herum. Erstaunlicherweise konnte ich mich, gegen den Willen meiner Knie, gerade so auf den Beinen halten.

Nach der Führung durch die Villa und der Bekanntmachung mit Rossana, die uns zwei Flaschen Wein in die Hand drückte, fuhren wir in das 40 Minuten entfernte Hafenstädtchen Trani. Ursprünglich von den Langobarden erobert, entwickelte sich Trani nach der Eroberung durch die Normannen nach und nach zu einem der wichtigsten Häfen Süditaliens. Die Menschen pilgerten während der Kreuzzüge in das heilige Land, wovon unter anderem die "Cattedrale di San Nicola Pellegreno" ein Zeugnis ist.
Heute folgt Trani der Cittáslow-Bewegung, mit dem Ziel der Entschleunigung und Verbesserung der Lebensqualität.

In Trani angekommen, machte das Städtchen einen bezaubernden Eindruck. Die kleinen Straßen wurden rechts und links von einzigartigen Häuschen eingerahmt, während hie und da eine kleine Kapelle an die historischen Hintergründe erinnerte. Die Geschäfte, die sich rund um den Hafen befinden, verändern das Bild einer wohlhabenden Stadt keineswegs. Überall sind kleine Boutiquen, von denen die meisten die eher gutbetuchte Gesellschaft ansprechen.
Die alten Häuser mit ihren bis ins Detail durchdachten Stuckelementen und den zum Anstrich passenden Fensterläden, bilden einen angenehmen Kontrast zu den hochpreisigen Designergeschäften. Trotzdem wirkt Trani niemals zu chic oder gar pompös. Die Stadt versprüht ein solch charmantes Flair, dass die Spaziergänge durch die alten Gassen, vorbei an niedlichen Restaurants, alten Fischerbooten und teuren Segelbooten, uneingeschränkt schön sind. 

Trani

Das Parken stellte jedoch eine kleine Herausforderung dar. Die Informationsschilder zeigten deutlich, dass ein Ticket gekauft werden muss, um in Trani parken zu dürfen. Allerdings war weit und breit kein Automat zu sehen. Da auch hier kaum englisch gesprochen wird, fragten wir uns durch die Geschäfte und kauften schließlich einen kleinen gelben Zettel, auf dem Jahr, Monat, Tag und Tageszeit freigerubbelt werden mussten und legten ihn dann in den Wagen. Die Erklärung auf der Rückseite war so schlecht übersetzt, dass wir das Prinzip noch nicht ganz verstanden hatten.
Der Besitzer unseres B&B sprach zum Glück englisch und erklärte Tom, wie das System in Trani funktioniert. Man kauft für einen gesamten Tag 2 Tickets á 2€. Dann rubbelt man die Felder frei, jeweils mit "Mattino" (Vormittag) und "Pomeriggio" (Nachmittag). Die Tickets gelten dann jeweils von/bis 0 Uhr. Weshalb nicht einfach Automaten aufgestellt werden...?

 

Nach dem Check-in bummelten wir durch den verträumten Ort und ich konnte endlich wieder richtig lachen.
Den Sonnenuntergang genossen wir direkt am Meer mit dem Blick auf die Kathedrale und das Castello Svevo. Die Wolken am Himmel zauberten in Verbindung mit der untergehenden Sonne und dem glitzernden Meer ein atemberaubendes Bild. Als dann auch noch ein Saxophonist spielte und hinter uns ein Feuerwerk den Himmel und das Meer in grün, rot und gold tauchte, war ich mir sicher, dass das erstens viel zu kitschig ist und ich mir zweitens kein schöneres Wiedersehen hätte vorstellen können.

Gegen 21 Uhr setzten wir uns in eines der niedlichen Restaurants am Hafen und während ich diesmal auf Nummer sicher ging und Pizza bestellte, zeigte sich mein ragazzo wesentlich mutiger und bestellte als Vorspeise Gnocchi mit Muscheln und Algenpampe und als Hauptgang Sepia . Als meine Pizza kam, war ich überglücklich, weil sie schmeckte und ich nicht allein essen musste. Die Vorspeise mit den Gnocchi und den winzigen Muscheln schmeckte tatsächlich ziemlich gut, wohingegen dieser wässrige Algenpüree stark an Aquarium erinnerte. Die Hauptspeise schockte mich dann allerdings.

Die Konsistenz erinnerte mich stark an ein sehr, sehr hart gekochtes Ei. Allerdings kniff ich beim Hineinstechen der Gabel die Augen zu, da ich irgendwie damit rechnete, dass sich im Inneren eine Flüssigkeit befindet - wie bei einem Auge. Es passierte nichts... und als Tom mir schließlich ein winziges Stück auf den Teller legte und ich es unentschlossen hin und her rollte, wusste ich nicht, ob ich für ein solches Experiment schon wieder bereit war. Schließlich atmete ich tief ein und schob mir ein Stückchen in den Mund. Beim Kauen fühlte sich das Vieh sehr stark nach Ei mit Fischgeschmack an und ich stopfte Brot und Bier hinterher. Sepia und ich werden in diesem Leben jedenfalls keine Freunde mehr. 

Am nächsten Morgen weckte ich meinen ragazzo viel zu früh, um die wenige Zeit nicht mit Schlafen zu vergeuden und ging mit ihm an den Strand. Das bedeutet in Trani nicht unbedingt weiten, weißen Sandstrand, sondern Steine und Beton. Wir entschieden uns für einen kleinen Felsen am Rand einer Bucht und verbrachten dort ein paar wundervolle Stunden. Toms Versuche über die messerscharfen Steine ins Meer zu kommen, wirkten etwas sehr ungeschickt, belustigten mich allerdings ungemein.
Das Meer in Trani erscheint wesentlich sauberer und blauer als im Nachbarort Barletta.

Am Abend entschieden wir uns für eines der Terra Menüs, welche in vielen Restaurants zu einem Pauschalpreis von 15-20 € p.P. angeboten werden. Dabei hat man meist die Wahl zwischen Mare (Meer) oder Terra (Erde) und erhält dafür ein Getränk (1/2 Liter Wein oder Bier), eine Vorspeise, einen Hauptgang oder entweder eine Nachspeise oder zwei Vorspeisen.
Die Vorspeise bildeten jeweils zwei leckere, wenn auch etwas ölige, Bruschetta. Anschließend folgte eine zweite Vorspeise mit Carpacchio. Mir schmeckte es nicht so gut, allerdings bin ich auch kein Freund von Rucola und Käse.
Als der Hauptgang kam, guckten wir uns etwas fragend an und blickten auf unsere Teller voller Fleisch.

Da ich sehr gerne Fleisch esse, stellte der Teller absolut kein Problem für mich dar. Ich probierte mich wild durch die verschiedenen Fleischsorten und entschied, dass mir das Teil vorne rechts am besten schmeckte. Die anderen Fleischsorten waren kaum gewürzt und die Würstchen schmeckten unendlich trocken. Tom hatte das Stück, das ich als lecker bewertete, noch nicht probiert. Ich beschrieb es ihm allerdings als eine Art Hackfleisch. Als er sich dem Teil widmete und das erste Stück in den Mund nahm, begriff ich, dass das kein Hack war. Es war Zunge. 
Mir wurde speiübel und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich guckte mir das Ding, von dem ich immerhin 2/3 gegessen hatte, an und konnte es nicht fassen. Als mein Mann sein Stück umdrehte, glotze mich etwas an, das plötzlich ganz genau aussah wie eine Zunge. Ich hatte tatsächlich die Zunge einer Kuh gegessen - jedenfalls hoffe ich, dass das kein Pferd war! Damit schob ich den Teller weg und schämte mich für meine Untat. Gleichzeitig fluchte ich über meine eigene Dummheit und die Nachlässigkeit der Kellnerin mich über die Sorten zu informieren. Dass Tom, der normalerweise alles isst, seine Zunge verschmähte, ließ mein Entsetzen über mich ins Unermessliche steigen!

 

Am späten Abend gab es wieder ein Feuerwerk und diesmal sahen wir vom Hotelzimmer aus zu. Es war ein wunderschöner Abschluss für ein unvergessliches Wochenende in einer einzigartigen Stadt.

In den Armen meines ragazzo ließ ich die letzten beiden Tage Revue passieren und blickte dem Ende dieses Wochenendes mit großem Frust entgegen. Obwohl ich jeden Moment genossen und ausgekostet hatte, wusste ich dennoch, dass mir der Abschied wieder schwer fallen würde und dass wieder Tränen fließen würden.

Als er am nächsten Tag seine Arme von mir löste und an der Villa Cefalicchio ins Auto stieg, blieb ich stehen, bis sich auch das letzte bisschen Staub wieder gelegt hatte. Auch der Himmel zwang sich nicht zum Lächeln und die dicken Regentropfen verheimlichten meine Tränen.
Als Rossana mich sah und nach dem Wochenende fragte, wusste ich, dass dieser Zauber viel zu kostbar ist, um ihn zu teilen. "Schön.", sagte ich und verschloss unser Geheimnis tief in mir.
   
Am Nachmittag setzte ich mich auf mein Bett und sah mich um, während der Regen gegen das Fenster peitschte und mich der Knall des Donners zusammenfahren ließ. Das alles hier ist eine wundervolle Erfahrung und 1 Jahr früher hätte ich für nichts auf der Welt darauf verzichten wollen. Heute weiß ich, dass ich für nichts auf der Welt noch einmal 28 Tage von meinem Mann getrennt sein werde.

Ti amo. ♥

 

 

 

Die Zeit steht still

Donnerstag, 10.07.2014

Die letzten 2 1/2 Tage bis mein Mann mit dem Mietwagen auf dem Anwesen Cefalicchio vorfahren würde, zogen und ziehen sich unerträglich. Ich schwanke ununterbrochen zwischen Übelkeit, Vorfreude, totaler Langeweile und purer Wut. Seit wann hat ein Tag eigentlich 48 Stunden und wieso immer nur dann, wenn es absolut unnötig ist?!
Die Arbeit lässt meine innere Unruhe nur bedingt schrumpfen. Während ich seit Dienstag damit beschäftigt bin, das Geschirr von A nach B zu räumen und wieder zurück, steht die Zeit still.

 

Obwohl ich seit gestern hin und wieder statt Geschirr Besteck oder Behälter schleppte, war jeder Blick auf den Stundenzeiger eine Qual. Als auch der Wechsel von Behälter zum Backblech mich nicht weiter brachte, suchte ich mir eine neue Herausforderung und putzte Fenster. Nach 2 Stunden steigerte ich mich noch einmal und trieb es mit dem Wischen des Bodens auf die Spitze. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass auch diese Aufgabe keinen Erfolg brachte.
Da Rossana mir (neben meinen anderen mehr als verantwortungsvollen Aufgaben, wie dem Spülen von Tellern) das Katalogisieren des Inventars übertrug, fotografierte ich eifrig Teller, Tassen, Schüsseln, Besteck usw, usw und stellte meine Zahlen fertig. Das Zählen klappte gestern nach einigen Minuten ganz gut - auch auf englisch und sogar italienisch -, also ging ich heute dazu über, die Fotos mit den Zahlen und dem englischen Namen des jeweiligen Artikels zu verbinden und in einer Liste einzutragen. Ich wusste, dass Rossana mir diese Aufgaben übertrug, weil ich sie schnell und zuverlässig ausführen würde und nicht, um mich zu langweilen. Natürlich zog ich die Arbeit währenddessen aus purer Wut über die scheinbar stillstehende Uhr ins Lächerliche. Eigentlich machten mir die meisten Aufgaben sogar Spaß. Nachdem die andere Praktikantin sich gestern den halben Tag nicht hatte blicken lassen, obwohl wir ausdrücklich darauf hingewiesen wurden, alle anderen Aufgaben hintenanzustellen, erhielt sie eine ordentliche Ansprache und wurde zum Spülen verdonnert. Ich war erstaunt darüber, dass Marius und ich es heute geschafft haben, das gesamte Geschirr zu spülen (immerhin 728 Teile) und die anderen beiden Praktikanten 27 Krüge, ein paar Tassen und 3 Vasen.

Am Nachmittag fuhren Rossana und ich zum Großhandel und kauften jede Menge Nahrungsmittel, Dekoration, Geschirr, Putzmittel und ein paar Kleinigkeiten ein.

Ich nutze die Gelegenheit und packte ein paar Sachen für das Wochenende mit meinem Mann in Trani ein und ließ mich dabei von Rossanas Tipps mitreißen: "Guck mal, den Käse musst du ihm mitbringen, diese Salami wird er lieben, dieses Getränk muss er probieren!" An der Kasse kramte ich mein Zeug zusammen und Rossana schmiss es direkt wieder ins große Ganze. Ich guckte sie fragend an und sie flüsterte mir zu: "Hotel pays, Dear!". Am Ende bezahlte ich 82 cent und war um ein wundervolles Geschenk reicher.
Ich denke, dass der Nachmittag im Großhandel definitiv unter die Top10 kommt. Nicht wegen der 82 cent, sondern weil Rossana und ich uns von Gang zu Gang kicherten und dabei den gesamten Laden mit unserem Verhalten unterhielten - oder peinlich berührten. Schon am Eingang bliebt erst ich zwischen der automatischen Schiebetür stecken und dann sie. Später spielte sie mit einer Tüte Chips und haute sie einem Mitarbeiter versehentlich über den Kopf. Wir kamen aus unserer kindlichen Tollpatschigkeit gar nicht mehr heraus und stolperten von einem Fettnäpfchen ins nächste. Diesmal verging die Zeit wie im Flug und plötzlich wurde mir bewusst, dass das am Wochenende auch so sein wird....

Buona Notte, Cefalicchio!

Oddio!

Dienstag, 08.07.2014

Zwei Tage ist es nun her, dass ich am Strand von Barletta lag und tiefenentspannt darüber nachdachte, wie es wohl wäre, wenn ich nie wieder arbeiten müsste. Als ich am Montag 4 1/2 Stunden 9 Windlichter aus dem Garten putzte, bekam ich für diesen lächerlichen Gedanken direkt die Quittung. Zum Ende meiner Schicht bezog ich noch einige Betten und putzte die Mastersuite. Dann schleppte mich müde in mein Zimmer.

Mastersuite Mastersuite Mastersuite Mastersuite

Da ich aus meiner Erfahrung mit dem fischigen "Surprise Me"-Teller in Barletta offensichtlich noch nicht gelernt hatte, stürzte ich mich ins nächste "Surprise Me" Abenteuer und hielt es für spannend, bei 35°C mit einem alten Drahtesel einkaufen zu fahren. Die Villa Cefalicchio liegt etwa 5 km von der Innenstadt Canosas entfernt. Da sowohl Cefalicchio als auch Canosa auf Hügeln liegen, war die Fahrt vom Hotel ins "Tal" hinunter wirklich schön, zumal man für etwa 3,5 km von nichts als Weinreben und Olivenhainen umgeben ist.

Weg nach Canosa

Als ich 20 Minuten später am "Gipfel" Canosas ankam, schwankte ich zwischen einem Hitzschlag und purer Wut über meine dumme Idee. Mit 2 vollen Tüten hievte ich mich 20 Minuten später zurück auf die Klapperkiste und genoss die steile Abfahrt. Als ich anschließend die ca. 3,5 km lange Strecke bis nach Cefalicchio vor mir sah und die Hitze über dem Asphalt stand, begann ich leise fluchend zu strampeln. Hatte ich die Strecke nicht gerade noch als ,,wirklich schön" beschrieben?
Nach etwa einem Kilometer auf einem Fahrrad, dessen Tretlager dermaßen kaputt waren, dass ich mit aller Kraft strampeln musste, um vorwärts zu kommen, verließen mich zum zweiten Mal die Ausdauer und meine Muskeln. Die Sonne knallte erbarmungslos auf meinen Kopf und meine Beine brannten unerträglich, während ich vor Anstrengung keuchte. Das einzig funktionierende Teil an diesem Fahrrad zeigte mir 37°C im Schatten an und ich fragte mich, wann ich abklappen würde.

Während der Fahrt fuhren ein paar Autos die verlassene Straße entlang und die wenigen, die an mir vorbeifuhren, ließen ein mulmiges Gefühl in mir aufsteigen. Rechts von mir führte ein ausgetrockneter, tiefer Kanal aus Beton entlang, während links dichte Olivenhaine wuchsen. Um ehrlich zu sein, hatte ich nie Angst auf meinen Reisen und das letzte mulmige Gefühl ist bestimmt 10 Jahre her, doch als ich mich umblickte, hatte ich zum ersten Mal wieder ein flaues Gefühl in der Magengrube.
Nachdem ein silberner Audi auf mich zukam und plötzlich stehen blieb, bekam ich es allmählich mit der Angst zu tun und wurde panisch. Anfangs war es nicht das Auto, welches mich erschreckte, sondern nur die unendlich menschenleere Landschaft.
Der Mann glotzte mich an, lächelte kurz und wendete dann hinter mir. Nachdem er ein paar Sekunden hinter mir fuhr, überholte er plötzlich, bremste einige Meter vor mir wieder ab und bog in einen kleinen Sandweg ein. Ich konnte sein Auto durch die Olivenbüsche sehen und war mir ziemlich sicher, dass er mich anstarrte.
Ich weiß nicht wieso, aber irgendetwas sagte mir, dass ich mich jetzt ganz schnell vom Acker machen sollte. Ich wollte Rossana anrufen, doch mein Akku war schon zu leer, um auch nur eine Taste erkennen zu können. Ob ich mich mit einer Flasche Tomatensauce wehren könnte?
Das kaputte Tretlager zeigte in der Steigung keinerlei Erbarmen, was meine brennenden Beine und die Hitze in meinem Kopf zu Schmerzen werden ließ. Ein kurzer Blick in den kleinen Sandweg genügte und ich kämpfte mich die längsten und schwersten 1,5 km meines Lebens bis zur Auffahrt des Hotels. Das Gewicht von 4 Litern Milch, einer 2Liter Flasche Cola, Cornflakes und Tomatensauce hatte meinen Aufstieg wohl noch erschwert.
Beim Blick zurück fuhr der Audi an der Einfahrt vorbei. Ich weiß nicht, ob er ein harmloser Bauer war, aber dieses Erlebnis ist mir definitiv eine Lehre. An der Villa angekommen, brach ich erschöpft auf dem Rasen zusammen und spürte das Adrenalin in meinem Körper.
Rossana erzählte ich die gesamte Geschichte und sie versicherte mir, dass in der Gegend noch nie etwas passiert sei, allerdings ermahnte sie mich auch, das nächste Mal auf sie zu hören. Sie hatte mir tatsächlich davon abgeraten allein mit dem Fahrrad zu fahren und lieber darauf zu warten, dass Michele mich am Abend zum Supermarkt fahren würde. Nachdem ich die Blicke der Autofahrer gesehen hatte, verstand ich auch wieso...
Als ich wieder in meinem Zimmer war, konnte ich weder stehen noch sprechen. Mein Gesicht war noch immer knallrot, meine Beine zitterten und ich wusste, dass ich am Ende meiner Kräfte war.

Grazie mille, angelo custode!

 

Zwei Stunden später setzte ich mich noch kurz an den Pool und fühlte mich wieder sicher. 

08.07.2014

Als ich heute Morgen aufstand und den grauen Himmel sah, wollte ich definitiv im Bett bleiben. Nachdem Rossana mir meine Aufgabe zuteilte, änderte sich daran nicht viel: Ich sollte Elenas Schatten sein. Also lief ich ihr hinterher, wusch Wäsche, backte Schokokuchen, bezog Betten, wusch Geschirr ab und lernte Joghurt selbst zu machen.

Do it yourself Joghurt
Da am Wochenende eine große Veranstaltung in der Villa ansteht, bei der unter anderem die Manager der italienischen Telekom und American Express anwesend sein werden, muss das Hotel bis dahin auf Hochglanz poliert sein  - daher auch das Putzen der Lampen am Vortag.
Da der Veranstalter dieses Events die Küche des Hotelrestaurants nutzen möchte und dem bisherigen Restaurantbesitzer vor 2 Tagen (nicht einvernehmlich) gekündigt wurde, befindet sich die Küche in einem katastrophalen Zustand.
Unsere Aufgabe wird es bis Donnerstag sein, den riesigen Bereich nutzbar zu machen. Ich halte das für eine Sisyphus Arbeit. Dennoch bedeutete dies für mich heute Teller schleppen. Anschließend mussten die Fliesen in der gesamten Küche geputzt werden und ich war glücklich, als Rossana uns für heute aus der 35° Sauna entließ. 
Die nächsten beiden Tage werden wir ausschließlich in der Küche putzen und Schränke schleppen, damit das Event am Wochenende starten kann.

Am Nachmittag nahm ich mir fest vor ein italienisches 2 Gänge Menü für mich zuzubereiten und versuchte dabei auf bisher Erlerntes zurückzugreifen. Da das in Sachen Kochen nicht viel war, öffnete ich meine Flasche Tomatensauce und erhitzte sie, schmiss die Spaghetti in den Topf mit kochendem Wasser und holte die Milchschnitte aus dem Kühlschrank. Nicht echt italienisch aber unglaublich lecker!

 

 

Ein Abstecher nach Barletta

Sonntag, 06.07.2014

Um 8:15 Uhr saß ich mit meinen Tickets in der Hand an der Bushaltestelle von Canosa und wartete sehnsüchtig auf den Bus, der mich zum Strand von Barletta bringen sollte. Als er 20 Minuten später eintrudelte und ich zusammen mit 20 Teenies in den Bus stieg, erklärte mir der Busfahrer, während es sich hinter mir staute, dass ich das falsche Ticket hatte und wieder aussteigen musste... mit hoch rotem Kopf quetschte ich mich an der wartenden Masse vorbei und verließ den Bus. Das verächtliche Gelächter der Teenies war kaum zu überhören. Als ich 45 Minuten später mit dem richtigen TIcket in den nächsten Bus stieg, fuhren wieder Teenies mit mir und ich merkte ziemlich bald, dass sie mich ziemlich schnell um meine gute Laune bringen würden. Nachdem das Mädchen hinter mir zum 17. Mal grölte und der Junge vor mir ununterbrochen meinte pfeifen zu müssen, war ich dem Wahnsinn nahe. 30 Minuten später stoppte der Bus und ich blieb erschöpft sitzen, bis die Meute den Bus verlassen hatte...

Da ich zwei Tage in Barletta verbringen würde, hatte ich zuvor ein Hostel gebucht und lief die 15 Minuten zu fuß zum St. Patrick's Guesthouse nahe dem Strand. Als ich dort ankam, erwartete ich ein Hostel, das im irischen Stil eingerichtet ist - ist es nicht. Halb so schlimm, dachte ich mir, solange wenigstens der Besitzer englisch sprechen würde - sprach er nicht. Vielleicht würde ja das Frühstück irisch sein - war es nicht. Dann hat aber die Gegend etwas mit Irland zu tun - hat sie nicht. Ich frage mich noch immer was an diesem Hostel bitte den Namen St. Patrick verdient?!

Der durch und durch italienische Besitzer brachte mich jedenfalls in mein Zimmer, zeigte mir das Bad und ich versuchte herauszufinden wann und wo es in diesem winzigen Hostel Frühstück geben würde. Mehr als 9 Uhr bekam ich nicht aus ihm heraus....

St. Patrick's Guesthouse

30 Minuten später lag ich am Strand von Barletta. Ich hatte wesentlich schönere Strände gesehen, aber für 2 Tage würde es völlig ausreichend sein. 

Strand von Barletta
Sowohl gestern als auch heute war der Strand gegen 11 Uhr sehr, sehr gut besucht. Die Italiener haben die komische Angewohnheit, grundsätzlich die persönliche comfort zone zu ignorieren. Ich legte mich beide Male relativ nah ans Wasser und achtete dabei peinlich genau auf genügend Sicherheitsabstand zu meinen Nachbarn. Doch jedes Mal kam eine italienische Großfamilie und legte sich beinahe mit auf mein Handtuch. Die Italiener nutzen nämlich maximal die ersten 20 senkrechten Meter direkt am Wasser. Der hintere Teil ist menschenleer. Die Familie begann freudig damit ihre Schirme, Stühle, Luftmatratzen, Handtücher und Essensvorräte auszupacken, während ich auf meinem kleinen Handtuch kauerte und hoffte, dass sie ihre Stühle nicht über mich stellen würden.
Die gesamten Tage dröhnte ununterbrochen hämmernde Musik, so dass an Entspannung die meiste Zeit nicht zu denken war. Zudem standen alle 3 Minuten Verkäufer um einen herum, um irgendwelchen Schrott loszuwerden. Dabei trugen die meisten Verkäufer Kleidung, die mich bei 36°C im Schatten umgebracht hätten. Ich war mehr als amüsiert über die Methoden der Verkäufer, ihre Ware von A nach B zu transportieren.
Heute waren es zwischen 10 und 15 Uhr immerhin 37 Verkäufer, die ihren Ramsch verkaufen wollten. 

   

Am ersten Tag machte ich mich gegen 15 Uhr auf den Rückweg vom Strand, um mir die Stadt während der Siesta anzusehen. Barletta ist ein wundervoller Ort, um durch kleine Gassen zu schlendern, wundervolle bunte Häuschen zu betrachten und historische Plätze zu bewundern. Die Stadt wirkt stellenweise unglaublich lieblich und bis ins Detail aufgehübscht.

Barletta

Nach meinem Rundgang entschied auch ich mich für eine Siesta und erkannte erstmals den Nachteil an einem fensterlosen Zimmer und dünnen Wänden. Der Raum ist durch eine Milchglaswand vom Treppenhaus getrennt. Zur Decke hin ist ein großer Spalt, so dass wirklich jedes Geräusch vom Flur ins Zimmer dringt. Leider hatten die Gäste über und unter mir dieselbe Glaswand, so dass ich alles, wirklich alles live miterleben durfte. Der Übelkeit von so viel "Menschlichkeit" nahe, flüchtete ich ins nächste Restaurant.
Im Restaurant bestellte ich einen "Surprise Me" Antipastiteller, da ich die italienische Erklärung ohnehin niemals verstanden hätte. Erstaunt über meine eigene Experimentierfreudigkeit, wartete ich auf den ersten Gang und wurde nicht enttäuscht.



Beim zweiten Teller musste ich tatsächlich erstmal schlucken.

Antipasti

Ich esse Fisch, aber das war doch eine Nummer zu groß für mich. Ich entschied, den Lachs-Kartoffelsalat zu probieren und schaufelte mir etwas davon auf die Gabel. Auf dem Weg zu meinem Mund, rutschte ein langer Tentakel von meiner Gabel und ich begann zu würgen. Als ich mich 3 Minuten später beruhigt hatte, suchte ich mir etwas Lachs aus und war ganz zufrieden. Die Teile vorne rechts stopfte ich mir in den Mund und versuchte dabei nichts zu schmecken. Die Konsistenz verursache allerdings den nächsten Reiz und ich befürchtete am Fisch zu ersticken. Nachdem ich versuchte den Haufen hinten links zu identifizieren und dabei die Noppen eines Tentakels erkannte, kämpfte ich mit aller Kraft gegen meinen sich drehenden Magen an und rutschte vorsichthalber ein Stück vom Tisch weg. Schließlich stopfte ich mir das für Apulien typische Pizzabrot in den Mund und zwang mich dabei nicht an den Fisch zu denken, der da neben mir auf dem Teller lag.
Als letztlich meine lecker aussehende Pizza auf dem Tisch stand, war die Welt wieder in Ordnung. Das änderte sich, als ich den keksigen Teig im Mund hatte und mir der geschmacklose Belag auf die Zunge platschte. Wie kann etwas, das so schön aussieht, nur so grausam schmecken!? Eine absolute Blamage für das Land der Pizza und Pasta.

So schlecht habe ich 25€ noch nie investiert. Während ich auf den leeren Platz mir gegenüber starrte, ereilte mich schreckliches Heimweh und ich verkroch mich bis zum nächsten Tag ins Hostel.
In der Nacht plagten mich furchtbare Magenschmerzen. Ich weiß nicht, ob es am Fisch lag oder vielleicht an der Pizza, aber ich fühlte mich selten so allein.
Als ich am nächsten Morgen um 9 Uhr auf den Besitzer des Hostels traf und ihn auf italienisch fragte, wo das Frühstück sein wird, nuschelte er: "Andiamo!" (Gehen wir!) und ich lief ihm 5 Minuten wortlos hinterher. Plötzlich blieb er vor einem Café stehen und ich bekam ein Croissant mit Aprikosenmarmelade und einen kleinen Café serviert. In Italien ist eben Irland das Land der Croissants. 
Als Rossana mich am Abend in Barletta abholte, ich sie auf einen Becher Eis einlud und wir über meine Erlebnisse lachten, war ich froh, 30 Minuten später wieder zu hause zu sein.

Cefalicchio Steintreppe

Ich bin ein Cefalicchio

Freitag, 04.07.2014

Heute war für mich der erste Arbeitstag, den ich einfach nur als in Ordnung beschreiben würde. Die Nacht war kurz und der Schlaf ganz gut. Die Arbeit mit Elena war auch nicht sonderlich spektakulär. Nachdem ich im Weinkeller Flaschen verpackt und etikettiert hatte, stellte ich einen neuen Blumenstrauß zusammen, vergaß allerdings Wasser in die Vase zu füllen... die Rosen nahmen es mir nach 7 Stunden mehr als übel. 

Anschließend backte ich mit Elena Brot. Zuvor hatten meine deutschsprachigen Gäste bemängelt, dass das Brot alt sei. Natürlich entschuldigte sich Rossana für dieses Missgeschick und ließ neues Brot bringen. Der Herr zeigte sich jedoch wenig besänftigt und schimpfte nun darüber, dass kein Käse da sei. Da nicht jeder Fleischfresser nach Leberwurststulle und nicht jeder Vegetarier nach Brokkoli riecht, konnte Rossana nicht ahnen, dass die Herrschaften Fleisch ausdrücklich nicht wünschten. Zumal ich dem Herrn am Abend zuvor noch erklärt hatte, dass in einem italienischen B&B in der Regel fast nur Kuchen serviert wird.
Nach 7 Tagen in Canosa habe ich noch nie Beschwerden über das ausgezeichnete Frühstück gehört. Die Gäste setzen sich morgens an den gedeckten Tisch im Garten, werden mit Saft und einem unglaublich guten Cappuccino versorgt und erhalten eine große Auswahl an hausgemachten Kuchen und Marmeladen, selbstgebackenem Brot, regionaler Wurst, frischem Obst, Müsli usw usw.
Morgen servieren wir dem Paar aus Trotz eine große Auswahl an Käse, müssen ihnen trotzdem erklären, dass dies kein Dauerzustand sein wird, da auch die Leberwurststullen versorgt werden müssen. Ich staunte schon vor ein paar Tagen über den entsetzen Gesichtsausdruck des Herren, als Rossana ihm erklärte, dass die Dachterasse, die neben dem Zimmer des Paares liegt, für alle Gäste zugänglich sei. Service ja, aber eine Extrawurst? Definitiv nicht. Mal sehen, wie die Herrschaften morgen darauf reagieren, dass nun 8 weitere Gäste in Cefalicchio hausen.  

Zum Ende meiner Schicht füllten Elena und ich die hausgemachte Aprikosenmarmelade in Gläser und bügelten die Wäsche. 

Aprikosenmarmelade Bügelwäsche

Am Abend, als meine Schicht schon lange vorbei war und die anderen beiden Trainees arbeiteten, kuschelte ich im Garten mit Mitch und Gonzo, den beiden Streunern des Hotels.

Mitch und Gonzo

Als plötzlich mehrere Gäste vor der Tür standen und begrüßt werden wollten, sprang ich für Rossana ein und kümmerte mich um die Gäste aus Südengland. Diesmal konnte ich die Fragen zum Wein beantworten und servierte das edle Zeug an der Rezeption. 

Empfangsbreich  
Später erledigte Rossana die Formalitäten, während ich die Gäste in die Mastersuite begleitete und die Betten bezog. Die andere Praktikantin ignorierte den Stress und goss gelangweilt ihre Blumen, während ihr Freund versuchte an allen Enden mit anzupacken, um das Zimmer schnell herzurichten. Die Gäste kamen unangekündigt, da ihr vorheriges Hotel ein absolutes Desaster zu sein schien. 
Rossana überließ mir die Verantwortung und fuhr den Besitzer der Villa zurück nach Barletta. Am Ende waren die Gäste unglaublich dankbar. Ich reservierte ihnen einen Platz im Restaurant, übergab meinen Beachguide, nachdem sie mich um Tipps baten und wankte kaputt aber glücklich in mein Zimmer.

Gute Nacht Canosa! 

 

 

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